You don’t spark joy

Über Hannes Soltau und seine Meinung zu Marie Kondo

Etwas verspätet öffnete ich die Sonntagsausgabe des Taggesspiegels und sah die Frau, die aktuell überall zu sehen ist: Marie Kondo.

“Does this spark joy?”, höre ich irgendwo aus meiner Erinnerung und las die Unterschrift: ZWEI MEINUNGEN Ein Pro & Contra zum neuen Aufräumhype.

Na das klingt schon etwas spannender, sagte ich mir und blätterte auf Seite 3. Ich habe aufgehört zu zählen, wie viele Menschen mir das Buch von Marie Kondo empfohlen haben. “Es hat mein Leben so verändert”, versuchten Freundinnen es mir anzudrehen. Als dann die Netflix Serie erschien, hätte ich kotzen können. In einem niemals endenwollenden Strom aus Benachrichtigungen empfahl mir gefühlt jeder 3. die Konmari Technik. I get it! You fold fucking socks.

Ihr seht, ein Fan bin ich beim Besten willen nicht. Aus diesem Grund war ich umso neugieriger eine Meinung zu lesen, die ebenfalls den Aufräumhype kritisiert. Zu meiner Enttäuschung wurden keine Glücksfunken in mir entfacht und ich frage mich, ob ich die Zeitung hätte begrüßen sollen, bevor ich sie las.

“Und [meine Oma] hätte auch Marie Kondo geliebt. Allein wegen des eingefrorenen Dauerlächelns, um das herum jegliches menschliche Mienenspiel unter einer zentimeterdicken Kosmetikschicht verschwindet.”

Was Soltau in seinem Text zusammen kratzt, kritisiert entweder Kondos Aussehen oder irgendwelche Annahmen, die nichts mit der Konmari Technik gemein haben. Hier wird Marie Kondo mit Minimalismus gleichgestellt, weil offenbar die Zeit für Recherchearbeit nicht reichte.

Weswegen Soltau die Entsorgen von Kinderfotos und Liebesbriefe mit Konmari verbindet, bleibt nämlich schleierhaft. “Spiegeln sich darin doch Erinnerungen und Erfahrungen”, argumentiert der Autor. Ganz richtig, und diese finden in der Konmari Technik auch ihren Platz. Jeder Mensch entscheidet selbst, welche Objekte Freude bereiten und welche nicht. Sollten die Liebesbriefe Glücksfunken in uns entfachen, so müssen wir sie auch nicht entsorgen. Zu dem Zusatz des Autors, dass Erinnerungen auch dann wichtig seien, wenn sie schmerzhaft sind, kann ich nur folgendes sagen: ich brauche bestimmt kein Foto meines Stalker Ex-Freundes in meiner Schublade, nur damit ich diese Lektion fürs Leben nicht vergesse.

Ja, auch ich mag mein kleines Chaos und fühle mich in einer kargen Wohnung wie die von Kondo nicht wohl. Muss man aber so weit gehen und gehässige Kommentare zum Aussehen machen? Eh… thank u next.

In dem Sinne  halte ich diese Seite 3 der Zeitung ein letztes Mal in meiner Hand, sage “Danke” und werfe sie auf den Berg Papier, der nicht so schnell entsorgt wird.
(Ich mag Aufräumen vielleicht nicht feiern, aber die Memes zu Marie Kondo finde ich super.)